Freitag, 14. März 2014

Murnau macht ein Märchen - Klassiker der Extraklasse: Faust - Eine deutsche Volkssage (1926)





Es sollte eigentlich bekannt sein, dass ich eine gewisse Vorliebe für Goethes »Faust« in filmischer Hinsicht hege oder besonders in metaphrosierter Form, wie bei Lynch, Kelly oder variiert mit Brandauer nach Klaus Mann, aber eben auch bei der direkten Umsetzung des Themas »Faust«, sogar vom großen Friedrich Wilhelm Murnau und im expressionistischen Zeitalter! Das bereitet natürlich große Vorfreude, wobei man dazu bemerken muss so ganz ist Murnaus »Faust - Eine deutsche Volkssage« aus dem Jahre 1926 dann doch nicht eine Umsetzung von Goethes Stoff. Achtung: Deshalb ist von meiner Sicht aus ein (direkter) Vergleich beider Gedanken unabdingbar. Eher ließe sich Murnaus Film als faszinierende Mischung verschiedener Einflüsse des Stoffes mit einer Portion Eigenständigkeit Murnaus deuten. Ein bisschen von Christopher Marlowes Ansätzen hier und ein wenig Urfaust samt Sage dort und doch bleibt Goethes Idee des Stoffes dennoch die tragende Kraft hinter Murnaus Film und dessen Handlungsgerüst.




Schon der Beginn beim Prolog im Himmel (hier das Gespräch zwischen Erzengel Michael und Mephistofeles) zeichnet das deutlich ab, bevor Murnau schließlich gleich darauf den Eigenwillen sucht in Pest und Plage als Vertragsmotive. Immerhin die Pest gab es auch schon in »Nosferatu«. Jedoch schon der »Prolog im Himmel« macht klar: Murnau hantiert mit Großen, mit imposanten Effekten und großen Bauten. In diesem Sektor scheint Murnau zu seiner Zeit kaum zu übertreffen zu sein. Murnau lotet die Grenzen von Licht- und Schatten aus, erzeugt Doppelbeleuchtung. und eine enorme Dynamik im Bilde. Noch nie schien diese Wirkung seitens Murnaus Filmen (wobei uns Murnau dies in »Nosferatu« klar machte) bedeutender zu sein. Wie hat er das nur hingekriegt? Gerade in seiner Visualisierung greift Murnau auch zu abstrakten, gar fantasievollen, Formen, begeistert aber auch hier mit seiner trickreich erdachten Inszenierung. Murnaus Erzählung ist dabei recht linear. Dabei vereint auch (wie in seinen früheren Werken) erneut den Expressionismus mit individuellen Landschaftsaufnahmen, ein durchaus durchdachter Schritt, da auch bei Goethe die Natur selbst eine große Bedeutung hat. Beiläufig zitiert Murnau aber (neben sich selbst) auch so manchen seiner Kollegen wie Paul Wegener, nicht ganz zufällig scheint die Beschwörung des »Dämonen der Finsternis« an jene des Erdgeistes bei Wegeners »Golem, wie er in die Welt kam« zu erinnern, wobei dabei Murnau auch hier den Verlauf von Goethe abwandelt und Fausts scheiterndes Bestreben nach Wissen aussetzt und gleich zum Mephistopheles hinübergeleitet, was wahrscheinlich auch der Tatsache geschuldet ist, dass Fausts Wesenskern ein völlig anderer ist als bei Goethe, vielmehr (worauf schließlich auch der Titel hinweist) dem »Urfaust« nachempfunden oder jener Fassung von Lessing.



Faust wird zum Gelehrten, Erretter wie auch Heiler, eigentlich zum hilfsbereiten Menschenfreund. Am ähnlichsten noch Wegeners »Rabbi Löw«, der auch als einschreitendes Organ für die Bürger fungiert. Bei Wegener ist es der Golem. Bei Murnau ist es der Pakt mit dem Teufel, der für die Rettung des Allgemeinwohls sorgen soll. Das macht die Figur des Fausts somit zur zweifelsfreien Sympathiefigur.Doch wer Teufelsmächte heraufbeschwört, ist ein ein Hexer und Teufelsanbeter, laut dem Volk! Dann schließt Murnau an: Faust will sterben, Mephisto benutzt sein trickreiches Gewand und verführt mit dem Spiegel der Eitelkeit, der Sehnsucht nach Jugend. Das ist der Beginn der eigentlichen Gretchen-Tragödie. Sogar die Ostertage gibts! Die Romanze beginnt und der Teufel lacht als hinterhältiger Manipulator. Emil Jannings als Teuflischer! Selbstredend ist er dabei auch verteufelt brillant. Sein Schauspiel ist auf Augenhöhe mit Technik und Effekten. Wenngleich sich dadurch auch zeitweilig kritisieren lassen könnte, dass Murnau hierbei der technischen Größe mehr Tragweite zu kommen lässt als dem Inhalt, da auf eben die bahnbrechenden Effekten besonderer Wert gelegt wird. Immerhin ist das so ein bildgewaltiges Werk geworden.



Jedoch verstärkt dies auch die epochale Seite der Erzählung und gibt ihm geradezu einem märchenhaften Touch. Ein Märchen also, ein Gedanke der wiederum erneut gefestigt wird durch die Hauptfiguren (Faust & Gretchen). Gretchen fungiert (wie eigentlich auch bei Goethe) als Unschuldslahm - bloß ohne Kindermord. Sie ertränkt es nicht (wie beim fiesen Goethe), sondern das Kind erfriert (wobei das ist auch fies), da niemand die Ausgestoßene aufnehmen möchte und sie so in die Kälte gedrängt wird. Geschickte Halluzinationen serviert Herr Murnau trotzdem auch für das Gretchen. Letztlich bleibt er aber gönnerhaft in Anbetracht des Stoffes. Vielleicht war es auch nur Murnaus unumstößlicher Glaube an die Liebe, der ihn dazu trieb. Wie der Titel ja schon prophezeihte, der Film ist eine Sage, was auch ein Synonym für Märchen ist und natürlich ist dieser Film auch ein äußerst schönes Märchen.




7.5 / 10

Autor: Hoffman

Kommentare:

  1. 1926. War das nicht dein Geburtsjahr? :D Recht fein, da schaut man hier nach gefühlt drei Jahrzehnten mal wieder rein und der Alte ist noch ganz der Alte. Wunderbar! :D
    Faust II wird hier aber nicht thematisiert oder? Wahrscheinlich nicht. Fände ich mal spannend & neugierig machend, schwer zu verfilmen mit Sicherheit, aber irgendwie wäre es auch mal ganz interessant zu wissen, wie man das filmisch aufbauen würde. Wohl aber sicher nur was fürs Theater. Faust ist ein gutes Buch. Wirklich. Aber Faust II. Schauder. Schauder. Ganz, ganz böse! Besonders für schulische Interpretationen unter Prüfungsdruck! ;-D
    Mach dir noch nen Schönen! :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oh, mein Gott er lebt noch! Nie gedacht, dass ich von dir nochmal was höre!:-D
      Und nicht ganz. Das ist nochmal ein Anderes und ja ich bringe auch diesen Jahrzehnt noch lebendig hinter mich. ;)

      Zum Film: Der Film umfasst im Grunde nur Faust I und ändert das Ganze märchenhaft ab. Eine Verfilmung oder filmische Interpretation von Faust II. gibt es meines Wissens nach noch nicht. Und wir "mussten" nur Faust I damals lesen, gab aber - soweit ich mich erinnere - einen Vortrag von einem Schüler, in dem uns erläutert wurde, was nun alles in Faust II. steht. Die Lehrerin hielt den zweiten Teil glaube ich auch selbst für misslungen.^^

      Löschen