Donnerstag, 4. Oktober 2012

Der deutsche Expressionismus lebt! - Klassiker der Extraklasse: Das Cabinet des Dr. Caligari (1919)




»Step right up, folk. Here for the first time any where you can see Cesare. The Somnambulist!« - Wieder einmal stehe ich vor meinem Kernkonflikt in letzter Zeit. Über das Definitionskino zu schreiben, es wurde doch schon allseits an allen Ecken und enden über sie geschrieben und als wegweisende Meilensteine des Kinos beschrieben und bis heute kreist ihr Geist und Wert durch Film und Geschichte. Mir geht es hingegen hierbei wohl auch teils um das Ergründen des Kinos - immer wieder aufs neue mich auf meine eigenen Worte zu beziehen und stets zu verweisen, somit also den Ursprung zu komplettieren und vielleicht auch meine Gedankenzüge damit auch plausibler dar zulegen. Ja, das ist selbstgefällig. Für mich aber profitabel, auch um im Sinne des Selbstzwecks stets die Erinnerung meiner Gedanken zu wahren. Demnach kann man das als persönliche, egomanische Archivierung sehen. »Das Cabinet des Dr. Caligari«von Robert Wiene aus dem Jahre 1919 ist einer dieser Filme. Deutscher Expressionismus wie er leibt und lebt in all seinen Facetten und seiner Schönheit. Präsentiert in 5 Akten. Expressionismus zum spüren und fühlen - und zum verlieben und kaschieren.



Hier wird die nahezu perfektionistische Definition des Expressionismus gegeben, in all seiner Irrealität mit verschrobenen und verzerrten Kulissen und phantastisch anmutenden Landschaften - künstlerisch wertvoll - freilebig und architektonisch einzigartig strukturell gestaltet. Schief und schräg, hier willst nichts passen! Unlinear, ungerade, Ecken und Kanten, Geometrie und Symmetrie außer Kraft - führt zu Wirrung und Irrung und sogar die expressionistischen Schatten schenkt uns Wiene! Danke, danke und mit großen Applaus. Ich liebe diese Eigensinnigkeit der Szenerie in ihrer Abstraktion. Getränkt in ein Spiel von Licht und Schatten, mit  fokussierter Szenenbeleuchtung wie groteskem Ambiente. Sinnbildlich getragen von seiner musikalischen Untermalung. Die auch die Ambivalenz des Werkes den unseren näher bringt, wenn verspielt oder schauderhaft. Wenn einladend und bedeutsam - in jedem Fall: Ruhmhaft für Wienes Werk.


Und dann weiter im Bezugsrahmen: Definition über Defintion und Prägung, sodass Wienes Erzählstil nicht ganz ohne Hintergrund eine unwirkliche Surrealität durch seinen Expressionismus hervorbringt, was sich einerseits aber auch nur im Kontext des gewitz-cleveren Twist deuten lässt. Deshalb vorerst weiter im Bezug, so demonstriert Wiene auch den mitunter ersten (hier noch angedeuteten) Zombie der Filmgeschichte! Revolution! Noch vor Murnau oder Browning. Das erste (wie ich meine)Ungetüm der Filmgeschichte. Hier noch als »Somnambulist« (=Schlafwandler) illustriert. Im weitesten Sinne verfolgt oder vielmehr interpretiert Wiene hier die Urdefinition des Zombies, die sich insofern äußerst, dass dieser als ruhelose Seele unter dem Bann ihres Magiers (in diesem Fall: Dr. Caligari) steht und willenlos ihm gehorcht. Nicht anders ist es bei Wiene, auch kenntlich am entschleunigten Gang des Somnambulist und seiner sklavischen Fähigkeit als Zweckobjekt für Caligari. Diese Konkretisierung wurde erst Ende der 60er Jahre vom (heiligen) George A. Romero neuartig dargelegt.



So hinterfragt Wiene aber - angestachelt von seinem Expressionismus, welcher zu Surrealismus leitet - auch selbst sein Werk - auf kongeniale Weise. Schon hier (vielleicht insgesamt als Film noir-Motiv auszulegen) mit der subjektiven Erzählung und dem Einsatz von Rückblenden. Alles nur eine Phantasie? Ein Wunschtraum? Eine Sehnsucht? Ist Caligari ein Heiler oder nur gar ein Magier oder Wahnsinniger? Wer ist des Wahnsinns? Wer liebt, wer leidet? Immer dichter drängen die Sphären von Wahn und Wirklichkeit - bei Wiene letztlich nicht mehr absolut zu entschlüsseln. Ein Spiel mit Raum und Zeit. Eine Reflexion der menschliche Psychologie? Ein Blick in die wirren Gedanken des Menschen? Erklärungswert dann die Reflexion dadurch des grotesken Expressionismus und der surrealistischen Seite. Ein Hirngespinst einer psychotischen Seele? Oder gar noch mehr eine Reflexion der Weimarer Repubik? Die Kriegsangst zu einer Stadt in Angst und ein Tyrann, der sie schafft. Ein Mythos des Films, der die Welt überdauern wird. Oder kurzum: Die virtuose Imagination des Kinos.



8.5 / 10


Autor: Hoffman

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