Dienstag, 21. August 2012

Romero und die Repression seines heranwachsenden Nosferatu - Klassiker der Extraklasse: Martin



»Things only seem to be magic. There is no real magic. There's no real magic ever.« - Häufig oder naja an sich überhaupt assoziert man den Namen des Regisseurs George A. Romero eigentlich nur mit seinen legendären Zombies von »Night« bis zu »Survival of the Dead«. Das mag berechtigt sein, da diese nun mal Romeros größtenteils bekannteste Werke widerspiegeln und Romero ja allzu vernarrt seine Liebe zu diesen Ungetümern repräsentiert. Jedoch unterschätzt wie reduziert man Romero auch gleichzeitig damit. Denn so fest Romero auch im Zombiefilm verankert ist, so entpuppen sich auch - bei etwaiger Entdeckung - andere seiner (Früh)-Werke als besondere Perlen des Horrorgenres, auch bei »Martin« aus dem Jahre 1977 - so dem letzten Film seitens Romero vor Opus magnum »Dawn of the Dead« - bewies Romero wieder seine geschichte Viruosität in Hinsicht des Genres. Sogar ganz ohne Zombie, dafür mit jungem Vampir, dessen Mystik Romero selbstredend direkt wieder unter die Lupe nahm und insofern auch dieses Subgenre neudefinierte. Dem Mann macht das scheinbar Spaß.



Obgleich sich Romero dabei gar nicht allzu sehr von dem symbolischen Prinzip »seines« Zombies entfernt. Romero übertragt das Motiv des Außenseiters - welches er bekanntlich schon in »Night« einsetzte - insofern nun auf den Vampir, passend natürlich. Ein innerlich zerissener Junge, der seinen Platz in der Gesellschaft sucht - das ist Romeros Martin. Der Comig of Age im Horrorfilm - ich vermute erstmals bei Romero zu finden. Und selbst heute findet dieses definierte Motiv noch Einklang in Genre - Paradebeispiel: Tomas Alfredsons Romanverfilmung »So finster die Nacht« aus dem Jahre 2008.

So verbindet Romero aber auch eine mystische Legendenbildung und das ist die Differenz bei Romero, wie auch bei seinen Zombies weckt bei Romero der Mensch und die Fassade dahinter mehr das Interesse als der Grusel, anders als man es bei den alten Hammerstudios tat, um ein Beispiel zu nennen, er entmystifiziert sozusagen seinen Vampir, es prägt diesen keine Abnormalität, nur die Qual seiner Seele und die Peinigung seines Umfeldes, weder Übernatürlichkeit noch die typische Attribution eines Vampires. Romero wagt einiges an Experimentierfreude. Transferiert den Stoff faszinierend in die Moderne und weiß doch respektvoll die Vorbilder zu referieren und Reminiszenz zu erweisen, in Schwarzweiß-Bildern, die wiederum für den Zuschauer eine Vielzahl an Interpretationen beherbergen. Als Rückblenden. Als die Vergangenheits Martins? Als Nächte der Erinnerung also.

Romero lässt spekulieren und lässt so manches im Dunkeln. Amerken sollte man dabei aber auch, dass Romeros Film mit der thematischen Annäherung des Coming-of-Age für mich dadurch aber auch wie ein Gegenentwurf zu Brian De Palmas King-Verfilmung »Carrie« (1976) wirkte, wobei es hierbei wiederum das männliche Individum, das mit den Problemen seines Umfeldes zu kämpfen hat. Zeitlich passend als filmischer Nachzügler der sexuellen Revolution, die spätestens mit David Cronenberg und seinen »Shivers« (1975) sich einer großen Beliebtheit erfreute.



Und Romero liebte ja schon immer seine Metaphern. Die Figur des Martin selbst zeichnet Romero ambivalent und fragt, ist er nun ein Vampir oder nicht? Nur Psychopath? Ein Unzurechnungsfähiger? Ein Fantast? Es lässt sich nur spekulieren. Andererseits greift er anderswo auch in Hinsicht des Charakters Motive von De Palmas »Carrie« auf des zurückgezogenen und schüchternden Jungen (glaubwürdig-bedrückt: John Amplas), der nichtdestotrotz unter der Repression seines Umfeldes leidet. Auch insofern scheint Romero das Prinzip von De Palma aufzugreifen, in dem er religiösen Fanatismus, bei De Palma durch die Mutter symbolisiert, attackiert. In diesem Fall mit drastsisch älteren Cousin, der Martin als »Nosferatu« verteufelt. Sogar Friedkin findet mit seiner Gesellschaftsanalyse »Der Exorzist« Erwähnung.

Zwischendrin wird mit der Vorstadtidylle abgerechnet, obgleich Romeros Gesellschafskritik einfach konzipiert ist, aber doch effektvoll. So bekämpft hierbei die Gesellschaft den Außenseiter, statt ihn zu unterstützen oder ihn überhaupt versuchen zu integrieren, man hält an dem reaktionären Bild des Glaubens fest und das führt zum tragischen Scheitern und zur Eskalation. Wieder einmal definiert Romero die Genrekonventionen. Überraschend subtil dabei aber sein Einfühlungsvermögen in den Charakter des unscheinbaren Martin, Romero beansprucht den Zuschauer. Erzählt gediegen, minimalisiert von Beginn an das Tempo. Langsam schreitet sein Film. Sogar äußerst langsam. Jedoch ist dies in erster Linie keinesfalls kritisch zu sehen, denn so erzeugt er eine gewisse Initimität und Bindung zu seinen Protagonisten. So agiert auch die Kamera mit zurückhaltenden Blick. Nüchtern. Aber meist so auch unspektuakulär.

Doch die Eskalation folgt. Keine Scheu. Manchmal auch etwas melancholisch, wie man es nur aus Romeros Spätwerken (»Survival of the Dead«) kennt und zusammengefasst sehr detailverliebt, auch mit seinen präzisen Metaphern. Natürlich spielt Romero auch hier wieder mit so manchem Klischee und betont oftmals neben der Tragik des Protagonisten, die ironische Seite seines Film. Ganz ohne Ironie, oftmals bittere, kommt er eben doch nicht aus, ob Martin gerade die Frau als eines seiner »Blutopfer« auserkort, die wiederum ihren Mann mit einem anderen betrügt - und Martin selbst die Überraschung erlebt. Ein spottender Radiomoderator ist, dem Martin seine tiefen Wünsche getarnt als »Count« enthüllt oder Romero selbst als Pater - mit persönlichen Bezug zur eigenen Vergangenheit, er besuchte eine katholische Schule. Und mag es nur ein Hirngespinst meiner Gedanken sein oder synonymisiert Romero etwa seinen damaligen Heimatsort Pittsburgh, Pennsylvania als Transsilvanien Amerikas? Spekulation.



Dabei beginnt Romero anfangs noch so unvermittelt. Es will Blut gesaugt werden. Es erinnert an Hitchcock und dessen Idee des »Fremden im Zug«. Die klinisch gesäuberte Spritze wird präpariert. Und letzte Interaktion des Opfers findet statt. So ist für Romero der Mord und Liebesakt gleichauf bei Martin ein weiterer Versuch der Integration durch Liebe in die Gesellschaft vorzudringen, er kompensiert damit die Furcht vor den eigenen Gefühlen. Es ist für ihn letztlich nichts anderes als eine Identitätssuche, die stets von der Sehnsucht begleitet wird wie auch seiner aufkeimenden sexuellen Begierde, die er nicht kontrollieren kann und so sucht er die Nähe seiner Opfer, kein Verführer wie das Genreklischee spricht. Sondern eine geplage Seele. Verzerrter Klang und Ton nehmen dazu passende Gestalt an. »It´s the Kiss of Death«. Urplötzlich wieder aus dem Nichts. Wie aus dem Schlaf gerissen. Genauso schlagartig die bitteren Töne des Abschluss. Eine zutiefst zynische und tragische Pointe. Irgendwie musste man ja gekonnten Anschluss finden an die Originale, während in den letzten Minuten Schillers »Ode an die Freude« durch das Szenario tönt. Fast schon wieder spirituell.



8.0 / 10

Autor: Hoffman



Kommentare:

  1. Ein erstklassiger Film, der leider total in Vergessenheit geraten ist. Zumindest im europäischen Raum, wo der Film als vollkommen anders montierte Fassung erschienen ist, wenn auch mit 2 Goblin Stücken im alternativen Soundtrack. Dennoch muß man aus den Fassungen sehr bedacht wählen. Die alte Anchor Bay US-DVD ist die einzige mir bekannte, die inkl. originalem Bildformat alle Kriterien erfüllt.

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    1. Recht hast, leider wie viele Filme von Romeros Frühwerk,. obgleich ich nicht allen eine gute Qualität bestätigen kann. Ich kenne persönlich auch nur die US-DVD. habe die schließlich auch hierfür verwendet. ;-)

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