Dienstag, 11. September 2012

Es glänzt, es goldet, es wird dramatisch! Man will die Sirk-Hommage - Kritik: Dem Himmel so fern



Man darf auch diesen Text im Kontext deuten: »Far from Heaven« - Dem Himmel so fern. was für ein Titel, der mich wieder in einen fast besinnungslosen Zustand schlägt und meine innere Pseudopoesie zum Vorschein bringt - keine Angst, ich werde dies gescheiterweise zu vermeiden wissen, erneut solche lyrischen Todschläger zu Worte zu bringen - doch ein bekanntes Phänomen, dieser pseudopoetische Rausch der Titel. Woher nur bekannt? Das kennt man doch irgendwo her? Todd Haynes führt uns zurück in die idyllische Welt der 50er Jahre und ja zurück in die Welt des Regisseur Hans Detlef Sierck, dem wahrscheinlich größten und besten Melodramenregisseur aller Zeiten - ich halte das nicht für spekulativ. Es sieht aus wie ein Sirk? Es atmet wie ein Sirk? Diese Farben wie bei Sirk? Es riecht selbst herzlich wie bei Sirk? Man möchte es nicht glauben, doch es möge den Tatsachen entsprechen, dass Todd Haynes es sich tatsächlich zur Intention machte eine Douglas-Sirk-Hommage mit "Dem Himmel so fern" (sogar die deutschen Titelverleiher schienen verstanden zu haben) aus dem Jahre 2002 zu drehen, ein durchaus mehr als lobenswerter Gedanke in heutigen Filmgefilden. Eine ehrfürchtige Verneigung vor den Legenden des Kinos kann ja nie schaden.



So auch nicht bei Sirk. Jedenfalls auf den ersten Blick. Alles wirkt wie ein klassischer Sirk, Haynes bemüht sich sichtlich das Gefühl eines Sirk-Films zu rekonstruieren und transferiert den Stoff des Sirk in die Neuzeit um gleich darauf wieder, dort an zu ecken, wo der Meister selbst seine Spuren hinterließ im Amerika der 50er Jahre und so wird Sirks unverwechselbarer Stil neu interpretiert.
Die Handlung (durchaus auch mit fassbinderischen Referenzen) zwischen Sirks »All the Heaven Allows« und »Imitation of Life« zwischen Rassismuskritik und der Entlarvung des materialistischen und scheinheiligen Bürgertums, welches Haynes sogar zu meiner Überraschung durchaus flink überspitzen mag und so teils auch frisch inszeniert - wie gesagt ich hätte es selbst nicht geglaubt.

 Eine wohlhabende Frau, die von der Homosexualität ihres Mannes Kenntnis nimmt und so Zuflucht bei ihrem farbigen Gärtner findet. Die Emanzipation der Frau (»Hinter jedem starken Mann, steht auch eine starke Frau«) fällt dabei nicht schwer, wenn Julianne Moore die resolute und tapfere Cathy spielt und das wie so oft wieder hervorragend und behutsam, sie trägt den Film mit passender Aura. Während wahrscheinlich hingegen auch die größte ironische Brechung in der Hommage an Sirk und seiner Darsteller selbst liegt, da sich so Haynes auch dem gehüteten Thema der Homosexualität annimmt, durchaus mit Sirk-Referenz, wobei mir dabei noch viel wichtiger scheint, dass man dabei metaphorisch gesehen auf Sirks Stammdarsteller Rock Hudson anspielt und Dennis Quaids Rolle (die von Cathys Ehemann) zunächst in einen ironischen Kontext setzt, da er nicht der ist, der letztlich Cathy von ihrer Unentschlossenheit und inneren Hilflosigkeit retten kann.
Nebenher gesagt sensibel, verletzlich und einfühlsam gespielt von Quaid. Vielleicht daher das innovativste Stilmittel, welches Haynes zum Einsatz bringt.

Während Dennis Haysbert als Gärtner Raymond, zwar ruhig agiert, aber seine Rolle an sich dabei zu triefend klischeebesetzt wirkt. An sich ist es Haynes größte Stärke der Inszenierung, dass er es schafft Sirks Farben und Emotionen gekonnt zu rekonstruieren. Von außen ähnelt dies unverwechselbar ihm und sehr liebevoll als Hommage an Sirk von den großen und kraftvollen Farbetonungen und der detaillierten Beleuchtung der Themen von Douglas Sirk. So aber auch auf dessen emotionaler Ebene mit einer gewissen Lebensferne und einem schimmernden Funken Hoffnung am Ende des Horizonts und einer wirklich edlen Ausstattung. Hochdramatisch. Sentimental. Große Gefühle. Überladene Gefühle. Durchaus Pathos und Kitsch. Und darin liegt eigentlich auch das große Problem des Films.

 Ja das Werk versteckt sich nicht davor eine ambitionierte Hommage an Douglas Sirk zu sein, ja es ist kitschig und voller dramatischer Konflikte gefüllt und doch ist dies kein Sirk. Das ist die Schwierigkeit, Haynes ist kein Sirk und so gelingt es ihm (leider) nicht wie Sirk es einst tat die überwältigenden und ja sentimentalen Gefühlen in seinen Film gekonnt unter Dach und Fach zu bringen, dass daher Haynes Film auf seine Art auf mich an einigen Stellen doch leicht behäbig wirkte, besonders letztlich verflacht er im Sinne der Handlung etwas, weiß aber im grandios inszenierten Finale wieder in bester Melodramen-Manier Emotionen zu wecken. Aber Sirks Kitsch ist einzigartig und auf seine Art so herzlich und voller Wärme, dass Haynes Film wie gesagt ambitioniert ist aber dessen Klasse nie erreicht, trotz Bemühung. Das macht ja gerade dieses besondere Gefühl bei Sirk aus, dass er es schaffte jegliche Formen kompakt und in ihrer schönsten Form zu präsentieren, gemischt mit einer ordentlichen Gesellschaftskritik. Es war Kitsch, aber wenn es Kitsch war dann war es der schönste und sanfteste von allen.




Das versucht auch bekanntlich Todd Haynes, wenn er das skandalträchtige Bürgertum satirisch entlarvt. Ein weiterer Fakt auch die Klischees, die Sirk stets charmant verpackte, bei Haynes eher altgebacken und irgendwie bieder wirken könnten. An sich dadurch aber faszinierend, mitunter auch der allgemeine Vergleich von Sirk zu Haynes. Auch wenn mich dabei eine andere Problematik erneut beschäftigte, wie "Dem Himmel so fern" in seiner Hommage zu deuten seie. Sicherlich ist es eine Ode an bestimmte Regisseure oder Stilrichtungen nie verkehrt. Doch sei dabei auch gefragt, wo der Grat zwischen Zitat, Ehrung, Plagiat und Kopie liege? Kein leichter Fall hierbei. Demnach lassen wir diese Frage im Raum stehen und erfreuen uns daran durch Todd Haynes und seinem "Dem Himmel so fern" wieder an die glorreichen Momenten des großen Douglas Sirk erinnert zu werden, unverkennbar. Jedoch würdig referiert, liebevoll inszeniert und mit besonderer Betonung auf seinen exzellenten Akteuren. Sonst wird der Titel zum eigenen Synonym. Somit ambitioniert, aber doch den Klassen des Sirk so fern. Passend: Dem Himmel selbst so fern.



6.0 / 10

Autor: Hoffman

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