Samstag, 29. September 2012

Krieg als Entertainment - Kritik: Der Soldat James Ryan




Heute mal ein Film, der mich vor einigen Jahren, als ich, sagen wir mal, jünger war, begeistert hat, aber bei dem ich mittlerweile nur noch den Kopf schütteln kann: "Saving Private Ryan". Ja, Kriegsfilme und Antikriegsfilme gibt es zu Hauff, und darunter befinden sich einige Meisterwerke, auf die ich nicht viel kommen lasse, doch in fast jeder ominösen "Beste Antikriegsfilme" Liste taucht auch immer wieder Steven Spielbergs Kriegsactionabenteuer "Saving Private Ryan" auf. Meiner Meinung nach völlig unberechtigt, da dieser Film für mich nichts von einem Antikriegsfilm hat, eher das komplette Gegenteil ist der Fall. Dieser Film ist für mich nichts weiter als der kommerziell erfolgreichste, bekannteste und mit Lorbeeren am meisten überschüttetste Prokriegsfilm, den es gibt. Aber trotzdem, ich kann es nicht leugnen, habe ich diesen Film schon ziemlich oft gesehen und er hat mir auch bis vor ein paar Jahren noch richtig gut gefallen. Ganz großes Kino. Pures Entertainment. Spielberg halt. Es ist ja auch ein großer Film, wenn man ihn mal nur als Film betrachtet: sauber inszeniert, John Williams steuert den Score bei und Tom Hanks spielt die Hauptrolle. That's Hollywood. That's Entertainment. But, that doesn't means it's a Anti-War Movie!
Naja, genug Englisch, wieder zurück in die Sprache des bösen, hinterhältigen und sadistischen Feindes: Deutsch. Diese verdammten Krauts, ich würde sie am liebsten alle töten...


Nun ja, zurück zum Wesentlichen: "Saving Private Ryan" hat unglaubliches Potential zu einem der ganz großen Klassiker des Antikriegsfilms zu werden, und zu beginn des Films sieht alles genau danach aus. Die Eröffnungsszene am Omaha Beach ist schlichtweg grandios, Spielberg zeigt hier kompromisslos die Schrecken des Krieges. Junge Männer werden in stählerne Transportschiffe gesteckt, werden bei widrigsten Verhältnissen über den Ärmelkanal geschifft, aus den Botten geworfen und müssen den Strand stürmen, während sie gnadenlos und erbärmlich niedergemäht werden. Für einen Hollywoodfilm eine erstaunlich pessimistische Sichtweise, der Film bietet zu beginn keinerlei Kompromisse. Er ist nicht nett zum Zuschauer, er konfrontiert ihn mit sinnlosem Massensterben. Auch wenn das merkwürdig klingt: so etwas will ich sehen - bei einem Antikriegsfilm zumindest. Wirklich eine Eröffnungsszene, die mich auch nach der x-ten Sichtung nicht kalt lässt. Einfach grandios und sie hat zu Recht Filmgeschichte geschrieben. Ein wirklich nahezu perfekter Start und man könnte wirklich meinen, hier wird gnadenlos mit dem menschenverachtenden und furchtbaren Verbrechen, welches Krieg ist, knallhart abgerechnet. Ich komm kaum aus dem Schwärmen über diese - für einen Antikriegsfilm - perfekte Eröffnungsszene heraus. Einfach top. Wäre der Film nach einer Viertelstunde aus, er hätte die volle Punktzahl bekommen. Denn was dann passiert ist rätselhaft und macht "Saving Private Ryan" zu einer ziemlichen Katastrophe. Gut, die Grundidee hat ja was und meines Wissens nach hat das US Militär tatsächlich eine solche Regelung gehabt, dass man, falls die restlichen Brüder fallen, den letzten nach Hause schickt. Hier hätte man was draus machen können. Ein versprengter Trupp begibt sich auf eine Odyssee hinter feindliche Linien, hinein in das Grauen, den Wahnsinn und die Sinnlosigkeit des Krieges. Fast so wie in "Apocalypse Now". Doch Spielberg entscheidet sich nicht dafür, er lässt den Film zu einem Pro-Kriegsfilm verkommen - und das trotz der phänomenalen Eröffnungsszene!




Spielberg inszeniert den Auftrag der Soldaten nicht als eine sinnlose Reise ins Verderben, die dem Zuschauer die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges zeigt. Nein, ganz im Gegenteil, er gibt Krieg einen Sinn. Er stellt ihn als ehrenhaftes Abenteuer dar. Er macht aus Krieg pures Popcorn Entertainment. Anstatt kalten Nihilismus, der bei einem Antikriegsfilm angebracht wäre, sind die Rollen schon längst vergeben. Der Zuschauer begleitet Spielbergs ritterliche US Boys auf einem Feldzug gegen die Deutschen, die bösen Deutschen natürlich. Aber upsalla, irgendwie sind da alle deutschen Soldaten kranke, hinterhältige Untermenschen, die nur darauf aus sind Amerikaner zu töten. Apropos Amerikaner: Ich will zwar nicht pingelig sein, aber sofern ich mich an den Geschichtsunterricht erinnern kann, haben noch andere Nationen damals in Frankreich gegen das Dritte Reich gekämpft. "Alliierte" haben die sich glaub genannt. Aber egal, es ist Amerika. Die sind top, die sind gut, die brauchen keine Verbündeten. U-S-A! U-S-A! U-S-A!
Nun gut, das kann man natürlich vergessen. War zum Zeitpunkt der Entstehung des Films ja auch schon ne Weile her, da kann man schon vergessen, dass es da noch sowas wie Verbündete gab. Juckt ja heute auch keine Sau mehr, wird im historischen Kontext eh wichtiger gemacht, als er ist, dieser Zweite Weltkrieg. Nicht wahr Mr. Spielberg? Nun gut, Schwamm drüber... Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, die Deutschen. Also mal ehrlich, jeder Zuschauer, der halbwegs bei Verstand und aufgeklärt ist, wird wissen, dass das Dritte Reich ein unmenschliches System war, doch trotzdem waren die deutschen Soldaten zu dieser Zeit auch noch Menschen. Doch bei "Saving Private Ryan" nicht. Hier wird dem Zuschauer vermittelt, wie die glorreichen neun Amerikaner gegen die degenerierten Bestien, aka deutsche Soldaten, für Friede, Freude, Eierkuchen in den Krieg ziehen. Natürlich könnte es sich hierbei auch um eine Referenz zu Wes Cravens Terrorklassiker "The Hills have Eyes" handeln, bei dem Klischeeamerikaner irgendwo in der Pampa gegen degenerierte Bestien kämpfen, aber gut, lassen wir das... Sicher, wir können heute darüber froh sein, dass der Zweite Weltkrieg mit einer deutschen Niederlage endete. Doch es ist und bleibt Krieg und Krieg ist - für mich zumindest - immer falsch. Krieg kann niemals die richtige Entscheidung sein, auch wenn man, wie im Falle des Zweiten Weltkriegs und aus Sicht der Alliierten und Amerikaner, von einem Aggressor angegriffen wird. Man muss trotzdem zeigen, dass Krieg nichts weiter als ein sinnloses Verbrechen an der Natur und der Menschlichkeit ist. Man darf ihm keinen höheren Sinn, eine Legitimation, geben. Gut, das ist nahezu unmöglich, irgendwie ist immer auch Pathos bei den meisten Filmen, die sich mit Krieg auseinandersetzen, mit drin. Gerade beim Zweiten Weltkrieg, der den Sturz eines der wohl menschenverachtendsten Systeme überhaupt zum Ergebnis hatte. Wenn es sich in Grenzen hält und der Krieg als solches noch immer als sinnlos  dargestellt wird, kann ich darüber hinwegsehen - gutes Beispiel "Band of Brothers", da hat es Spielberg viel besser gemacht.




Doch hier kann ich einfach nicht darüber hinwegsehen. Mit zunehmender Laufzeit wird "Saving Private Ryan" für mich einfach zu einem furchtbaren Pro-Kriegsfilm, der mich mittlerweile regelrecht anwidert. So kommt es, dass das Geschehen bis zum großen finalen Kampf an der Brücke vor sich hindümpelt. Natürlich ist es nach wie vor gut gefilmt usw... Aber ist mir jetzt ziemlich wurscht. Gut, kommen wir zum großen Finale. Hier macht Spielberg es auch dem Letzten klar, dass das hier ein Pro-Kriegsfilm ist:



Einer der Amerikaner erschießt den "Steamboat Willy" (der Deutsche, dem er erst vertraut hat, der aber auch nichts weiter ist als eine degenerierte Bestie, so wie alle Deutschen...), obwohl dieser sich ergeben hat. Eigentlich noch mal eine Chance für Spielberg hier einen Anti-Kriegs-Akzent einzubringen. Doch was macht er? Anstatt diese Szene als sinnlosen Akt der Rache darzustellen untermalt er sie mit pathetischer, heldenhaften John Williams Musik. (Nichts gegen Williams, aber diese Szene ist einfach nur grauenhaft) Gut, auch diese Chance grandios vertan. Und dann natürlich der absolute Gipfel. Der im sterben liegende Tom Hanks sagt zu James Ryan, er müsse beweisen, dass er es wert war, gerettet zu werden. Hallo? Geht's noch? Das ist immer noch ein menschliches Leben und das ist es immer wert, gerettet zu werden. Was soll er denn machen, um zu beweisen, dass er es wert ist? Mindestens 100 Tigerpanzer samt Besatzung in die Luft jagen? Furchtbare Szene, die diesem Machwerk seine hässliche Pathoskrone aufsetzt. Hätte Hanks James Ryan (Matt Damon) wenigstens nicht klar machen können, dass es in diesem bestialischem Massensterben auf sein Leben nicht wirklich ankommt? Ich wäre (klingt komisch) zufrieden gewesen. Damit hätte man die Irrationalität und die Sinnlosigkeit des Krieges noch ein mal verdeutlichen können.



Aber gut, sei's drum. Was bleibt vom "Saving Private Ryan"? Die Antwort ist klipp und klar: die Eröffnungszene. Den Rest brauche ich nicht und will ich nicht, mehr Pro-Krieg geht kaum! Mir ist es wahrlich ein Rätsel, warum dieser Film so mit Auszeichnungen überschüttet wurde. Er kommt auf den ersten Blick zwar ganz groß daher und optisch ist er es auch nach wie vor, doch von seiner Aussage her ist dieser Film für mich nichts weiter als hurrapatriotischer Dünnpfiff, der zum Himmel stinkt und weiter davon entfernt ist, ein Anti-Kriegsfilm zu sein, als Freddy Krueger von einem Job als Grundschullehrer.


3,0/10

Autor: MacReady

Kommentare:

  1. Tacheles! Schönes Ding, dass noch jemand diesen kriegsverherrlichenden Streifen tatsächlich auch als einen solchen sieht, statt (wie es leider bei vielen "Fans" ist) als bildgewaltiges, reißerisches Actionkino.

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    1. Danke dir, das musste mal sein. Hatte schon länger vor mit dem Ryan abzurechnen.

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