Donnerstag, 27. Dezember 2012

Die Odyssee einer Sucht - Klassiker der Extraklasse: Das verlorene Wochenende



»I'm not a drinker; I'm a drunk!« - Ich finde es doch bisweilen äußerst imposant von welcher Größe das Gesamtwerk von Regisseuren wie Billy Wilder geprägt ist, nicht umsonst zimmern Filme wie »Sunset Boulevard«, »Double Indemnity« oder »The Apartment« diese und beweisen ausdrücklich wie vielschichtig Wilder doch in seinen Schaffen arbeitete, dass es mich bisweilen immer wieder freudig aufs neue überrascht. Es scheint, dass Wilder es liebte Hollywood zu definieren und das Kino insofern stets zu bereichern wie auch zu revolutionieren. All das kennt man sicherlich - oft gehört, nie vergessen, ich wollte es nun auch mal gesagt haben als Verehrung für diesem Mann. So wagte sich Wilder im Jahre 1945 als einer der ersten an die realistische Darstellung der Alkoholsucht mit seinem Werk »The Lost Weekend«  nach einem Roman von Charles R. Jackson und begibt sich auf die ungeschönten Pfade eines Alkoholabhängigen und dessen Suche nach dieser, schon in den ersten Minuten schildert Wilder schonungslos.



Zeitlich gesehen ist diese realistische Darstellung der Abhängigkeit beileibe beeindruckend, sogar ohne jemals zu moralisieren, Wilder erzählt ehrlich wie nüchtern und inszeniert virtuos die Welt des alkoholabhängigen Autors in der Krise. Ein bitteres Porträt eines Trinkers - brillant und authentisch verkörpert von Ray Milland als erfolgloser Schriftsteller, teils kraftvoll und später entfesselt mit fanatischen Blick und Scheitern in den Augenwinkeln. Dazu Jane Wyman überzeugend und engagiert als stützende Verlobte. Ja, wenn Billy definiert tanzt selbst die weiße Maus und glaubwürdig zeichnet er die Ursachen dieser exzessiven Sucht, mit rauschenden Rückblenden. Die Erfolglosigkeit und die Demotivation des Schreibens als Hintergrund. Der Alkohol als Kompensierung der menschlichen Probleme, der Flucht vor diesen und der gestellten Selbstzweifel oder der Auseinandersetzungen mit den Herausforderungen. Die Flucht liegt in der Droge. Jedoch sie ist keine Errettung vor den Konflikten. Schon in den ersten Minuten bebildert Wilder eindringlich dieses krankhafte Verlangen nach der Droge, die Wohnung wird bis aufs kleinste Detail durchsucht. Wo mag noch ein letzter Vorrat sein? Hinter dem Bett? Im Staubsaugerbeutel? In der Lampe? Oder in der hintersten Kammer des Zimmers? Ein bedrückendes Porträt. Man könnte »The Lost Weekend« gleichauf aber auch als Odyssee eines Süchtigen sehen. So entwickelt sich Millands Suche nach jedem erneuten Genuss der Droge immer weiter zu einer konsequent entwickelnden Abwärtsspirale, in der Wilder die Folgen des Konsums nahe legt, aber stets nüchtern bleibt: Oft wird dem Alkohol der Kampf angesagt, doch man scheitert oftmals an der grenzenlosen Gier und auf Alkohol folgt die Erniedrigung. Der Ausweg scheint nur der Konsum zu sein, bei dem man sprichwörtich über Leichen geht. Ein Raub. Ein Diebstahl, der damit an Wert verliert.



Die quälende Seele entwickelt sich zum unberechenbaren Verbrecher. Immer weiter rückt der Charakter Millands an den Abgrund heran. Immer deutlicher wird das Scheitern in der Gesellschaft und eine Erlösung ist kaum in Sicht. Stilistisch dabei dem Film noir zu zuordnen und atmosphärisch gefilmt wie auch von einer besonderen Intensität umgeben. Wilders Studie des menschlichen Zerfalls, als Endstation »Delirium tremens« und die Odyssee, die den Wahn des Genusses aufzeigt - getrieben von der Sucht - entpuppt sich das letztlich als Horrortrip und als wahre Tragik des Seins. Tiefschürfend, mit defnitionsträchtigen Motiven und hervorragend untermalt von Miklós Rózsa . Der Verfall in seinen viele Facetten bebildert und doch kämpft man - Milland am intensivsten. Wilders Protagonist ist stets zwischen dem Versuch der Selbstbeherrschung und der Verführung der Droge. Ein offener Krieg. Wilders »Lost Weekend«, ein bedeutendes Stück Zelluloid. Und die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt.



8.5 / 10

Autor: Hoffman

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