Samstag, 19. Mai 2012

Dilettantismus kann niemand retuschieren - Kritik: "A Perfect Getaway"

O: A Perfect Getaway, USA 2009 R: David Twohy mit Steve Zahn, Milla Jovovich, Timothy Olyphant, Kiele Sanchez

Schon fast ironisch, dass es in „A Perfect Getaway“ eine Szene gibt, in der gesagt wird, ein Film sei nur so gut, wie es sein Drehbuch ist. Soll dies etwa eine Bloßstellung des für diesen Film verantwortlichen Drehbuchautor und Regisseur  David Twohy sein? Macht der sich etwa selbst runter?  Falls das beabsichtigt war: Respekt! Das war wohl dann der intelligenteste Schachzug in 90 Minuten Thrillerquark. 

In „A Perfect Getaway“ geht es um das frisch vermählte Paar Cliff (Steve Zahn) und Cydney (Milla Jovovich), das sich vor tropisch hawaiianischer Kulisse die Flitterwochen gibt. Auf ihrer schnieken Tour lernen sie allerhand Touristen kennen, die mal mehr und mal weniger relevant sind. Als das Pärchen dann entsetzt und schockiert und vollkommen überrascht feststellt, dass ein mordendes Pärchen Pärchen ermordet, ist das Pärchen schockiert. Die Frage ist nun; ist Soldat Nick (Timothy Olyphant) und dessen Frau das besagte Killerpaar? Oder ist es doch das tätowierte Hippie-Paar? Oder der überfreundliche Hotelrezeptionist? Oder sie selbst? Oder der Gärtner? 

Der Film startet, wie ein solcher Film eben startet; paradiesische Naturaufnahmen, ‚Shakeyourbodyinthesun‘-Musik und ein in die Kamera glotzendes Paar, das so himmlisch ineinander verknallt ist, dass selbst Amor sich vor Kitsch auf dem Boden suhlt und sich den Pfeil lieber selbst in den Allerwertesten schießt. Und mehr macht der Inhalt auch nicht her. Vor allem in den ersten 45 Minuten erweckt dieser angebliche „Thriller“ eher den Anschein einer Tourismusvermarkungsmaschinerie – traumhafter Strand da, sprudelnder Wasserfall hier, die Schleichwerbung für Elektronikhersteller ist smart und die ‚Chicks‘ sind auch ganz lecker. Eine fade Dokumentationstortur privater wie öffentlich rechtlicher Sender hat der mehr Konsens. Verständlich ist es, wenn einige meinen, sie müssen „A Perfect Getaway“ abstellen, bevor überhaupt etwas geschah. Ob die etwas verpassen? Nein. Stattdessen sind sie eher die Gewinner empfehlenswerter Lebenszeit. Und dazu kann man sie nur beglückwünschen. Denn selbst nach einem ellenlangen Einstieg, der das Maß aller Geduld überschreitet, gelingt keine nennenswerte Leistung. Die Atmosphäre ist abstoßend schlecht, die Handlung verworren und schwach, das Drehbuch ein katastrophales Elend und die Darsteller, troz zahlreicher B-Movie-Namen, allesamt austauschbare Holzgesichter.

Keine Frage, die Auflösung des ganzen Spektakels ist überraschend. Aber auch nur deshalb so unvorhersehbar, weil sie so bekloppt und hirnrissig ist, dass niemand darauf hätte kommen können. Nicht verwunderlich, denn wiederlegte das Drehbuch 70 Minuten das, was schlussendlich eintrat. Würde man sich den Film mit dem Wissen der finalen Wendung nochmals anschauen, würde die ganze Struktur aus ihren Fugen kippen, nichts wäre mehr logisch, weil alles schlicht und ergreifend sinnlos wäre. Ich betrachte diesen Film als Beleidigung. Tatsächlich nimmt er an, ich sei so abgestumpft, um nicht mehr begreifen und rekonstruieren zu können. Eine Schande.
Und da stellt sich nun letztlich die Frage, was man lieber sehen möchte; einen Film, der weiß, dass er dumm ist und sich deshalb einiges an Dummheit erspart, weil er dazu steht oder einen, der glaubt, klug zu sein, dabei aber dümmer ist als der dümmste dumme Film überhaupt. Ich bleibe bei der zahmeren und 'intelligenteren' Variante.


1 / 10

Autor: Iso

Kommentare:

  1. Hi Iso,

    wenn du ein bisschen mehr Ahnung von Persönlichkeitsstörungen hättest, wäre der Film für dich auch logisch. Wenn diese Art von Menschen eine andere Identität annehmen, dann verhalten sie sich auch so. Der Wunsch eine andere Persönlichkeit zu sein ist dabei so groß, dass jede Verhaltensweise aufs Detailt genau gelebt wird; hierzu gehört auch so zu Fühlen und zu Denken wie die bis dato Fremde Person. Dies geht so lange gut, bis die Illusion durch äußere Einflüße anfängt sich in Luft auf zu lösen; eine neue Identität muss her!

    Abschließend möchte ich noch sagen, dass der Film auch in meinen Augen kein überragender Thriller/Horrorfilm ist, jedoch ist auch auf den zweiten Blick durch diese Betrachtungsweise logisch.

    Ich hoffe, ich konnte einigen die Augen öffnen...

    Mr. Identität

    AntwortenLöschen
  2. Hi zurück,

    erstmal ein "Danke" an die ausführliche Erläuterung, nehme ich gerne so an; auch weil's natürlich nicht mein Fachgebiet ist. Muss aber dazu sagen, dass das weniger mit meinem nicht vorhandenden Wissen über eine "Persönlichkeitsstörung" zu tun hatte, als das mir nicht bewusst war, dass es hier tatsächlich um eine Persönlichkeitsstörung geht. Das scheint mir wohl tatsächlich - trocken gesagt - nicht aufgefallen zu sein; wenn hier aber diese Erkrankung eine Rolle spielt, dann sind Schlüsselszenen natürlich um einiges logischer, gleich wenn's sich das Drehbuch sehr, sehr einfach gemacht hat. Wenn ich so durch's Netz stöbere, scheint es aber einigen so wie mir gegangen zu sein...

    Nochmals ein großes Dankeschön!

    AntwortenLöschen
  3. Auch bei einer gestörten Persönlichkeit macht für mich dann aber keinen Sinn, dass Cliffs Partnerin das ganze mitmacht - z.B. im Dialog wo das veröffentlichte Bild vom Mörder gezeigt wird und Cliff sagt "Vielleicht wussten sie nicht, dass sie gefilmt wurden", diskutiert sie ja mit, ihre Reaktion müsste dann eigentlich anders auffallen, oder hat sie zufällig genau das gleiche Problem mit den Identitäten?

    AntwortenLöschen