Donnerstag, 11. April 2013

Godard Retroperspektive #6 - Klassiker der Extraklasse: Elf Uhr nachts (1965)




Man kann sagen, dass »Pierrot, le Fou« eigentlich die Bilanz aus allen vorhergehenden Godardfilmen ist. Er ist also eine Zusammenfassung seines Schaffens bis 65´. Die am meisten geliebten Themen und die feinen Stilmittel in einem Paket, ein Godard für alle. Vielleicht ist das sogar ein guter Einstiegsfilm. Warum sich das also nicht mal textlich zu nutze machen? Experimentell, hier gibt es also Restauration! Ja, von Godardtexte. Dieser Verrückte, dieser Wahnsinnige, dieser Seltsame, dieser Jean-Luc, was ist das bloß für einer. Bei seinen Filmen fehlen doch einem die Worte, der protestiert einfach mal gegen die Konventionen des Kino, das darf natürlich bei einer Bilanz nicht fehlen! Ein Mann zwischen Genie und Wahnsinn, das hier sein filmischer »Urknall« der Leidenschaft und Wirrungen, sein Pierrot mit explosiven Mehrwert. Zudem definiert dieser freche Kerl hier einfach mal das Kino und bezeichnet es als »Schlachtfeld«! Bei dem Emotionen, Leidenschaft und Gefühle stark prägen dürfen und den Startschuss gibt ein anderer großer Meister höchstpersönlich: Samuel Fuller, also auf ins Abenteuer mit dem Weisheiten Fullers!





Dabei sei schnell festgestellt, dass Godard genau weiß was er definiert und wie man es definiert, sein Film ist ein leibhaftiges und originelles »Schlachtfeld« beziehungsweise ein wilder Genremix aus den verschiedensten Winkeln des Films und seines Gesamtwerks, beginnend mit einer ungewöhnlichen Crime-Story (wie es schon in »À Bout de souffle« der Fall war), mit Waffen, Waffenhändlern, Geld und Täuschung wie Verrat, ein bisschen Folter gibts auch (»Le petit Soldat«), und einem Abenteuer, mit vielen Posen (wie in allen Godardwerken), darüber schwebt die Tragik eines tiefen Melodrams (á la »Le Mépris«). Weiter geht es über humoristische Passagen, hinüber zu Musical-Passagen (P.S: Wir erinnern uns, »Une Femme est une Femme«) und der Liebe (= Godards Lieblingsmotiv). Zwei Menschen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, wie Godard selbst? Nun, möglicherweise ist das die Vollendung des Liebesmotiv, es mündet in der Unmöglichkeit der Liebe. Die Handlung ist die pure Freiheit oder wie man so sagt: Die Lust am Leben. Interessant ist, dass gerade in Hinsicht des Motives der Liebe »Pierrot, le fou« gegensätzlich zu seinem optimistischen Vorgänger »Alphaville« steht, hier endet das Spiel mit Pessimismus und dem Scheitern dieser Liebe.

Außergewöhnlich besetzt mit dem Traumpaar Jean-Paul Belmondo und Anna Karina, welche Chemie und Charme mit sich bringen und schließlich auch essentiell für Godards schauspielerisches Werk stehen. Im Kino strahlt auch kurz das Gesicht Leauds am Rande ins Bild, das ist nicht bedeutend, aber ein nettes Detail. Von den zweien bereitet aber besonders Belmondo viel Freude,  als Ausbrecher der Gesellschaft Pierrot, dieser Narr (wie der Titel selbst beweist) - ich meine selbstredend Ferdinand, welch Fauxpas - Karina verzaubert und gibt sich auch spielfreudig als Marianne, als eine mysteriöse Unbekannte. Eine Femme Fatale? Wer weiß, auf den Film noir darf hier spekuliert werden. Gemeinsam wollen sie der gegenwärtigen und bürgerlichen Gesellschaft entrinnen und so begibt sich ihre Liebe auf die Flucht. Das heißt des weiteren, Godard wird experimentierfreudig und haut den Konventionen des Kino, um es mit solch hartem Sprachlaut zu formulieren, eine rein.


Da zeigt sich auch schnell wieder diese einzigartige Leidenschaft Godards beim Filmemachen, inszeniert mit einer enomen Leichtigkeit und ja es wird auch wieder wild zitiert, von Balzac bis Chandler und Jack London, alles dabei, verdichtet mit Werbeplakaten und Comics und mehrmals mit Marcel Proust. Ein roter Alfa Romero findet auch Erwähnung. Die hervorstechende Farbdramaturgie triumphiert in ihrer Schönheit. Coutard (Wer wenn nicht er?) bebildert poetisch und auch etwas verträumt diese Freiheit, aber auch verstörend, wenn der Rahmen gesprengt wird. Das Sprechen wird zum Gestus, hin zum Publikum, auch zerstückelte Satzfragmente finden Gefallen.







Aber auch politisch geht Godard hier noch einen Schritt weiter und passt sich dem Zeitkontext an, wo es einst in »Le petit Soldat« noch um Algerienkrieg ging (auf welchen Godard hier auf mehrmals anspielt), setzt er sich hier nur mit der Vietnampolitik Amerikas auseinander - Stichwort: Radioberichte, kritisiert und parodiert mit Improvisationen und brillanten Montagen.
Es endet mit einer »Explosion« oder einfach mit einem Knall? Eins davon, als Scheitern einer eigenen Gesellschaft ist dies zu lesen. Das Meer (wie schon in »Le Mépris«) bildet die letzte Einstellung, die Auferstehung? Wie gesagt dieser Godard ist pessimistisch, aber parallel dazu schon ein außergewöhnlicher Comic als Film verpackt oder der Film als grotesker Comic? Ja, machen wir es uns einfach und sagen: ein originelles Feuerwerk der Emotionen.


 

8.5 / 10


Autor: Hoffman

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen