Mittwoch, 31. Oktober 2012

Raimis rücksichtslose Rückbesinnung - Kritik: Drag me to Hell




»Ich bitte Sie und beschämen mich?« - Es ist immer schön, wenn sich alteingesessene Genremeister wieder auf ihre Wurzeln besinnen und wieder an alte Tage erinnern. Sam Raimi folgte im ungefähren diesem Gedanke im Jahre 2009 und gewann wieder etwas etwas Abstand von seiner meiner Meinung geglückten(!) Interpretation des Spiderman-Franchises. - Wie meinen? Blödsinn! Also wo sind hier gelandet? Keine Reibungsflächen! Warum ist das Intro so unsagbar ideenlos? 
-  Vielleicht würde ich »Drag me to Hell« völlig anders beurteilen hätte ich derzei tnicht wieder ein großes Faible für Raimi und seine Filme - glücklicher Zufall mit diesem Film selbst - ich hab den Sam ja ganz doll lieb. Und eigentlich macht Raimi hierbei schon in den ersten Sekunden - zur Not auch Mittelsekunden - klar, dass er zu seinen Wurzeln zurückkehrt und das mit Karacho bis die Stunde schlägt und die Hölle sich mit ihren finsteren Tiefen den Verfluchten öffnet: Das Projekt Drag me to Hell. Das Grauen wird gezeichnet. Vom viktorianisch Herrenhaus geschwind wird gereist und ein Comeback geschworen und ja geboren. Der Ofen bereits angeheizt.



Und schon sind wir wieder angekommen - im Alltag. Im purem Alltag. Im Alltag einer Bankangestellten. Und schon daran bemerkt man, dass somit Raimi mal wieder auf mehr aus ist als auf das Grauen. Zunächst wird es satirisch. Damit scheint »Drag me to hell« doch auch äußerst dienlich als Reflexion der modernen Gesellschaft und ihrem Alltagsleben. Raimi konfrontiert sein blondes Naivchen, obgleich er ihre eine gewisse Ernsthaftigkeit mit auf den Weg gibt zur späteren genrebekannten Emanzipation der Frau, mit dem Übernatürlichen. Ihr geordnetes Leben bricht und die Konventionen werden zunächst gesprengt, ein bisschen und mit dem Worten ad absurdum bekannt gemacht - amüsant zu betrachten wie freudig Raimi damit zum Spielen einlädt. Um dann widerwillig traditionelle Gruselfilmlegenden ironisch zu kommentieren, ob dies nun eine alte Zigeunerin ist, die mit Flüchen um sich hetzt, weil sie keinen Credit bekommt oder das Mysterium des Wahrsagens an sich, bis hin zum Motiv der schwarzen Katze, Raimi weiß faszinierend und mit ironischer Note zu kommentieren.

Kreativitätsmangel sollte man daher Raimi nicht vorwerfen, auch wenn seine Storyvariation recht schlicht bleibt, aber mit einer Referenz in der Hinterhand - es darf gerne auch eine eigene sein! - einfach, aber effektiv. Und wie gemein: Raimi besinnt sich auf alte Tage und versteht es auch hier wieder den Unterschied zwischen Horror und Humor gehaltvoll zu differenzieren. Es ist stets eine Sache der Betrachtung - bei Raimi gilt: Nimm zwei, hab eines. So wird zunächst schwingend angedeutet und die unheimlichen Schattenlicher ausgesannt, bevor Raimis Hammer des schwarzhumorigen Horror zuschlägt, welcher sich insofern definiert, dass Raimi wie einst schon die stürmischen Schockmomente und die oftmals handfeste und brachiale Groteske paart, mit diesem Augenzwinkern wie es nur ein Raimi serviert. Wenn auch in abgeschwächer Form, trotz wilder Inszenierung wie auch Zitaten. Exzessiver Ekel und schattiger Expressionismus dürfen auch dazu gezählt werden. Der Schrecken im Humor. Gar eine Wirklichkeitszersträubung beginnt einzusetzten. Die Charaktere im Sinne von Raimis junger Gesellschaftsreflexion selbstredend Stereotypen und Klischees, obgleich er seine Protagonistin zur Karrierefrau macht, dies wird ihm zum Verhängnis und insofern für mich etwas problematisch, denn Alison Lohman als Bankangestellte Christine wirkte auf mich eher unbescholten und hilflos, weniger dazu geeignet eine Führungsposition in Raimis schrägem Spiel einzunehmen. Und nicht mal ein Bruce Campell in Aussicht! Welch schrecklicher Gedanke. Überrascht mag ich hingegen von Justin Long sein, der seine Rolle durchaus ansehnlich mimte und sogar passend erschien, bei Ramis Intention des Yuppie.

Andererseits auch problematisch bei Raimis kreativer Entlarvung der Genrekonventionen ist jedoch auch, dass er auf sie spekuliert. Christines Fluch und dessen Auswirkungen gehören dazu, die Raimi in einer von mir förmlich geradezu verhassten Abwärtsspirale reflektiert, sodass ein Besuch bei den Eltern zur Klischeeallüre Nummer 1 wird und Raimi seinen Filmstoff damit fast anbiedert. Das es fast schon entnervt und so in konventionelle Zutaten gerät, kontern tut er zumindest mit charmanten, wenn auch nicht immer vorzüglichen, Geisterattacken und so möge ich ihm dies verzeihen, denn Raimis Medium bringt wieder Schwung in das (bis dahin zwiespältige aufgenommene) Konzept - davor wird noch überzeichnet: Das Eis wird nicht vergessen - und spätestens zur knalligen Geisterstunde versteht es Raimi wieder im besten Sinne den »Tanz der Teufel« zu referieren und sich somit selbst zu ziteren, immer noch mit durchgeknallten Augenzwinkern und kuriosen Wirrungen.

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Wem die Stunde schlägt... und eigentlich ließe sich »Drag me to Hell« somit auch als reichlich perfider Abgesang auf Raimis Schaffen in Hinsicht der »Tanz der Teufel«-Trilogie ansehen, immer wieder referiert er, nimmt Bezug darauf und lässt das Grauen mit dem Grotesken verbinden. Sogar nahezu chronologisch, sodass ein Besuch auf dem Friedhof zum größten Gewinn wird (wo der Besuch der Eltern noch zum Verlust wurde) und zur mitunter liebevoll gestaltesten Szene in Raimis Stück wird - nicht nur weil ich »Army of Darkness« immer am liebsten hatte, sondern weil Lohman es endlich schafft den referienden Verschnitt von Campell auszufüllen und sich selbst zu emanzipieren. Eine wunderbare Sequenz. Später wird dann etwas konventionell in die Konsequenz gewechselt. Trotzdem: Ein ehrfürchtiger Moment, bei dem Raimis damaliges Schaffen noch einmal deutlich vor Augen sieht. Eine ansehnliche Ode an das Genre. Und nicht zuletzt eine knochige Fingerübung für Raimi - diese Abwechslung gönne ich ihm auch aus vollem Herzen.



6.0 / 10

Autor: Hoffman 

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